Ziemlich großes Kino: Musical 13 in Niederalteich

Für viele Jugendliche dürfte das erste Date so aussehen: eine Verabredung im Kino, wo man sich im Halbdunkel annähern kann zum ersten Kuss. Diese Standardsituation bildet die Kernszene des Musicals 13, das die Niederalteicher Gymnasiasten am 24. / 25. #05 2019 auf die Bühne gebracht haben. In der Kinoszene artet die enorme Erwartung der jugendlichen Protagonisten auf den ersten Liebesbeweis in ein Desaster aus. Alle, die Schönen, die Verliebten, die Eifersüchtigen, die Insider und die Außenseiter haben sich dort versammelt und ihre Hoffnung auf das bezaubernde erste Mal zerbricht im Mahlwerk von Intrige, Eifersucht und Abneigung. Am Schluss des Stücks ereignet sich der Kuss fast beiläufig und schüchtern zwischen den aus der Gemeinschaft Verstoßenen Eva und Fabian, abseits vom Kampf um Status und Anerkennung. Das klingt nach großem Drama und tiefen Abgründen. Die todernsten Nöte der Pubertät hat Jason R. Brown in seinem Musical 13 aber auf ungemein charmante, leichtfüßige und geistreiche Art eingefangen. Das Textbuch strotzt vor witzigen Anspielungen und absurd-komischen Verdrehungen. Die Musik dazu ist schlichtweg hinreißend schwungvoll, innig, spritzig und ironisch in den unterschiedlichsten Stilarten.

Nun ist das Musicalformat, wie es am Broadway gepflegt wird, in der Schule nicht unproblematisch, weil es eine Perfektion voraussetzt, die dort kaum geliefert werden kann. 13 ist jedoch so gebaut, dass es die Lebenswelt der Jugendlichen eins zu eins spiegelt und die Brüchigkeit des Entwicklungsstatus in die Handlung eingerechnet ist. Damit wird es zum Schulstück par excellence und die Niederalteicher Aufführung zu einem Glücksfall in der gelungenen Balance von erarbeiteter Perfektion und bewusster Imperfektion. Was hier in einer fast zweistündigen Aufführung auf die Bühne gebracht wurde, war musikalisch und darstellerisch von einer enormen, in Teilen stupenden Qualität. Das ist zum einen dem geschuldet, dass 13 eine musiktheatralische Umsetzung des Schulalltags ist, den keiner besser kennt als die Jugendlichen selbst. Sie spielten ihnen auf den Leib geschneiderte Rollen. Dann verfügt das St.-Gotthard-Gymnasium mit dem Musischen Profil über Ressourcen an Schülern und Lehrkräften, die eine so anspruchsvolle Aufgabe meistern können.

Eine Riege an exzellenten Sängerinnen und Sängern wurde dazu aufgefahren: Fabian Bolbinski als gewitzt agierender Neuankömmling an der Schule, der sich unbedingt integrieren will; Eva Zwickl, die Außenseiterin, die ihre berührenden Balladen interpretierte, als wären sie für sie geschrieben; Verena Streibl als professionelle Intrigantin mit rassigem Bluestimbre und schließlich die herrlich unschuldige Leonie, die mit klarer Stimme von ihrem Schatz Julian schwärmte. Als Running Gag traten Julians Kumpanen Lorenz Kaineder und Jakob Eiblmeier auf. Sie gaben dem Entwicklungsstand der Halbmännlichkeit ein dermaßen urkomisches Gesicht, dass sie sich als Publikumslieblinge etablierten. Dazu gehörte auch der fantastische Elias Apfl. Er gab den prototypischen Sonderling, der ohne Aussicht auf Erfolg in Leo verliebt ist. Sein Paradesong „Und wenn es so ist, dann ist es halt so“, geriet zur tränenrührenden Summe des Ganzen.  „Wir haben noch Aufgaben auf“: So beschlossen die über hundert Schülerinnen und Schüler einen denkwürdigen Musicalabend und beschrieben damit das Erwachsenwerden als Work in progress, mit dem man ein Leben lang nicht fertig wird.

Möglich gemacht hat die Aufführung ein Team, das sich fast vollständig aus der Lehrerschaft des Gymnasiums rekrutierte. Allen voran übernahm Musiklehrer Alexander Gsödl die umsichtige musikalische Führung am Keyboard, die Einstudierung der Choreographien und die Gesamtleitung. Ihm zur Seite stand die Band „At the diner“ mit den meisterhaften Gitarristen Thomas Wagmann und Werner Paletschek. Nicht weniger musikalisch agierten die aus dem Niederalteicher Stall stammenden Sebastian Seitz am Schlagzeug, Rudolf Heinrichsdobler am Bass und Johannes Nagl an der Akustikgitarre. Bernhard Falk wirkte als Initiator und Coach. Das P-Seminar unter Christoph Hackl und Stefan Binder übernahm die technische Organisation.

Das Publikum lachte, schmachtete, litt und feierte am Ende mit tosendem Applaus.