Austausch mit den USA 2011

 

Living Together – Learning Together

Das ist das Motto der Austauschorganisation Experiment e.V., das Menschen auf der ganzen Welt interkulturelle Begegnungen ermöglicht. Circa 2000 Jugendliche reisen jährlich mit Hilfe des Vereins rund um den Globus und nehmen an einem der diversen Programme teil, die von der Organisation angeboten werden. Eines dieser Programme nennt sich „Summer Abroad", an dem sich das St.-Gotthard-Gymnasium seit 2009 beteiligt. Etwa fünfzehn amerikanische Jugendliche kommen für drei Wochen nach Deutschland und verbringen davon zehn Tage in Familien unserer Schüler. Sie nehmen am Unterricht in verschiedenen Jahrgangsstufen und Fächern teil und erkunden zusammen mit ihren „host sisters/host brothers" die Umgebung, wobei auch Exkursionen nach München und Regensburg auf dem Programm stehen. Der Gastfamilienaufenthalt erfreut sich bei allen Beteiligten großer Beliebtheit – bei den Amerikanern, die auf diese Weise einen authentischen Einblick in die bayerische Kultur und Lebensart gewinnen, ebenso wie bei unseren Schülern, die, wie Erfahrungsberichte zeigen, sicherlich nicht nur in sprachlicher Hinsicht von dem Programm profitieren.

 

Austausch USA – Erfahrungsbericht

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Vertiefen der Englischkenntnisse und kultureller Austausch – dies sind wohl die beiden Hauptbeweggründe für einen Schüleraustausch. Bei dem letztjährigen Aufenthalt von 12 Amerikanern aus verschiedenen Bundesstaaten der USA in Niederalteich zwischen dem 3. und 14. Juli 2011 erfuhren wir jedoch, dass noch viel mehr dahinter steckt. Bereits bei der Ankunft am Sonntag mussten wir uns in Spontanität üben, da die amerikanische Gruppe mit den beiden Betreuern einen Zug früher ankam als geplant war. So mussten einige der Amerikaner auf ihre Gasteltern etwas länger warten, doch letztendlich kamen alle bei ihren Familien unter. Der Rest des Tages war für das nähere Kennenlernen reserviert und viele unserer Schüler zeigten ihren neuen Freunden erst einmal ihre Heimatorte.

Gemeinsame Aktivitäten wie der Empfang durch die Bürgermeisterin in Deggendorf, der Tagesausflug nach München mit Essen im Hofbräuhaus oder ein gemeinsamer Bowlingabend führten dazu, dass die Gruppe sich schnell untereinander kennenlernte, man auch die Austauschschüler der anderen kennenlernte und ein Gemeinschaftsgefühl entstand. Auch das abendliche Unterhaltungsprogramm kam nicht zu kurz. Fast jeden Abend verabredeten sich die Schüler um das Nachtleben in der Umgebung zu erkunden.

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Das Highlight aber war zweifelsohne das Wochenende in Regensburg. Von Freitag bis Sonntag übernachteten wir in der örtlichen Jugendherberge, erkundeten die Innenstadt und überraschten sogar die Amerikaner mit der Größe mancher deutscher Pizzen. Auch von dem Bootstrip zur Walhalla waren die Austauschschüler begeistert, denn der fantastische Ausblick entschädigte für die vielen Stufen vom Ufer bis zur Walhalla.

Zufällig kamen wir in den Genuss eines Jazzfestivals und zahlreicher und vielfältiger Essensstände. So hätte sich mancher bestimmt gewünscht noch ein paar Tage länger in Regensburg zu bleiben. An den Tagen ohne Programm nahmen die Austauschschüler am regulären Unterricht teil und versuchten sich in die Klassen zu integrieren. Als das Ende des Aufenthalts näher rückte, brachten wir den Amerikanern durch ein deftiges Weißwurstfrühstück mit Brezen und (alkoholfreiem) Weißbier die bayerische Kultur gelungen näher.

Parallel dazu ließen wir mit einer Diashow die Erlebnisse der vergangenen Tage Revue passieren. Zum Abschied veranstalteten wir am letzten Abend bei der Familie Katzenleuchter eine Farewell Party mit würzigem Grillfleisch und leckeren Salaten; anschließend rundeten Desserts den Abend kulinarisch ab. Dass wir am letzten Abend unter anderem auf die neuen Freundschaften und gemeinsamen Erlebnisse anstießen, versteht sich von selbst. Der Abschied am nächsten Morgen fiel allen schwer. Als die Amerikaner in den Zug Richtung Hildesheim einsteigen mussten, floss bei der Verabschiedung auch die ein oder andere Träne. Die anstrengenden und zumeist schlafarmen zehn Tage waren ein unvergessliches Erlebnis für alle Teilnehmer. Neben einem besseren Sprachverständnis und dem Eintauchen in den „American way of life" konnten die Teilnehmer zudem soziale Kontakte knüpfen und Freundschaften schließen, die zum Teil heute noch bestehen. Ein Beispiel hierfür sind Antonia Kremheller und Anna Pelesh, die sich nach diesem Austauschprogramm in Amerika noch einmal getroffen haben und in regem Kontakt zueinander stehen.

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Mark Kiermayer, Florian Osterholzer, Q12

 

A German-American Friendship

Laute Durchsagen durch Lautsprecher, Stimmengewirr aus verschiedenen Sprachen und Menschenströme, die sich auf die Zollschalter zubewegen - noch etwas überwältigt von diesen vielen Eindrücken, müde und mit eingeschlafenen Füßen, folge ich den „Non US Citizens"-Schildern am Flughafen in Washington. Nach einem fast neunstündigen Flug mit zahlreichen Turbulenzen muss ich mich noch den kritischen Fragen des amerikanischen Beamten stellen und meinen Koffer abholen. Nachdem ich den Zoll passiert habe, ist der Augenblick schon da, auf den ich mich die letzten drei Monate so gefreut habe und der meine Motivation während des Vorweihnachtsstresses war: Ich sehe Anna wieder. Schon läuft das 16-jährige Mädchen mit strahlendem Lachen auf mich zu und fällt mir so heftig um den Hals, dass mir mein Reisepass herunterfällt. Nach ungefähr sechs Monaten treffe ich also das Mädchen wieder, das im Juli zehn Tage Gast in meiner Familie war.

Wir hatten uns dazu entschieden, im Rahmen des Summer Abroad Program von Experiment e.V., eine amerikanische Jugendliche aufzunehmen. Nach meiner Anmeldung teilten mir Frau Mittelhammer-Grabner und Frau Grubwinkler, die für das Programm zuständigen Lehrkräfte, Anna Pelesh aus Washington D.C. als Gastschülerin zu und gaben mir ihren „letter to your family". Ihrem Brief war bereits zu entnehmen, dass sie sehr interessiert an der deutschen Geschichte und Kultur ist und gerne unsere Lebensart kennenlernen möchte. Schon vor ihrer Ankunft am Plattlinger Bahnhof, wo wir uns das erste Mal trafen, tauschten wir uns regelmäßig auf Facebook aus. Auch während ihres Aufenthalts in Bayern verstanden wir uns sehr gut und uns gingen nie die Gesprächsthemen aus. Es machte mir Spaß, Anna Städte wie Regensburg, Passau und München zu zeigen, mit ihr über Klischees von Deutschen und Amerikanern zu diskutieren und ihr meine Freunde vorzustellen. Viel zu schnell vergingen die anderthalb Wochen. Sie endeten, wie sie begonnen hatten: Am Plattlinger Bahnhof, Gleis 3, mit einer langen Umarmung. Anders als zehn Tage zuvor war die Stimmung allerdings gedrückt, da wir ziemlich sicher wussten, dass fast 7000 km nicht einfach zu überbrücken waren und wir uns deshalb nicht so schnell wiedersehen würden.

usaantonia3Doch wir blieben auch weiterhin regelmäßig in Kontakt und so erhielt ich am 22. August folgende Nachricht: „i'm in utah right now, seeing the canyons and mountains well anyway, i wanted to tell you some exciting news... WANT TO COME TO FLORIDA WITH US IN THE WINTER? my parents said that it would be amazing if you could come to washington d.c. and then go down to florida to the beach with us! it would be over my winter break and probably yours too, around christmas time to new years. If you would like to go, talk to your parents about it and we can set something up!!"

Zu diesem Zeitpunkt konnte ich mir allerdings noch nicht wirklich vorstellen, dass ich genau vier Monate später von Annas Familie und Freunden in der amerikanischen Hauptstadt an der Ostküste begrüßt werden würde. Gemeinsam mit Anna, ihrer Freundin Emily und ihren Eltern Carole und Mark machen wir uns vom Flughafen auf den Weg zu ihrem Haus, das in einem Vorort von Washington liegt.

Da die Mutter, Anna und ihr Bruder Andrew jüdisch sind, feiern wir abends noch den dritten Tag von Hanukka und essen ein traditionellesjüdisches Gericht. In den nächsten Tagen ermöglichen mir die Peleshs einen ersten Eindruck von der Stadt Washington, indem sie mir das berühmte Lincoln Memorial, das Washington Monument, das Capitol und das Weiße Haus zeigen. Mark, der amerikanische Geschichte studiert hat, hält mir Vorträge über historische Begebenheiten und verschafft mir einen Einblick in die amerikanische Politik und insbesondere die gerade laufenden Vorwahlen der republikanischen Kandidaten. Weihnachten feiern wir typisch amerikanisch, am Morgen des 25. Dezember. Auch ich bekomme einen mit Süßigkeiten gefüllten Strumpf, der am Kamin hängt, und zahlreiche andere Dinge geschenkt.

 

usaantonia3Zwei Tage später fliegen wir schon nach Florida, wo die Familie ein Strandhaus besitzt. Nach anderthalb Stunden erreichen wir Sarasota, eine Stadt am Golf von Mexiko. Bei 25° C erkunden wir die Stadt und baden noch am ersten Tag im Meer, wo wir Delfine springen sehen. Während unseres Aufenthalts in Sarasota besuchen wir außerdem ein Aquarium, Sarasota Jungle Gardens und ein Zirkusmuseum. Vor allem aber genießen wir das tolle Wetter und die schönen Strände in Florida. Auch das neue Jahr leiten wir mit einem Feuerwerk am Strand ein.

 

usaantonia2Am 2. Januar geht es wieder zurück ins „kalte" Washington. Anna muss am nächsten Tag schon wieder in die Schule gehen, die ich aber nicht betreten darf, weil ich ja auf dem Fußboden ausrutschen und die Schule verklagen könnte - typisch amerikanisch eben. Stattdessen erkunde ich in meiner letzten Woche in Amerika auf eigene Faust oder zusammen mit Carole Städte in der Umgebung wie Baltimore, die Hauptstadt von Maryland, Georgetown, wo wir die Synagoge besuchen, und zahlreiche Sehenswürdigkeiten in der amerikanischen Hauptstadt. Diese hat kulturell enorm viel zu bieten, weshalb ich mir verschiedene Denkmäler wie das Korean War Memorial, das Martin Luther King Memorial oder das Vietnam Memorial anschaue und auch in das Newseum, das American History Museum, das die ursprüngliche Flagge der Vereinigten Staaten ausgestellt hat, und weitere Museen gehe. Außerdem teste ich mit Carole, die als Restaurantkritikerin für ein Magazin tätig ist, teure Lokale. Wenn Anna aus der Schule kommt, ist außerdem viel Zeit für gemeinsame Unternehmungen mit ihr und ihren Freunden oder ihrer Familie. Ein weiteres Highlight meiner Reise ist der Besuch des Weißen Hauses, den Carole und Mark für mich organisiert haben. Die strengen Sicherheitskontrollen dort lohnen sich, da die Führung sehr interessant ist und man in dem Haus herumgeht, das man normalerweise nur aus Pressekonferenzen kennt.

Da ich mich mit allen Verwandten, Freunden und natürlich Anna selbst sehr gut verstehe, fällt es mir sehr schwer, nach drei Wochen von den Menschen und den Orten, die ich kennengelernt habe, Abschied zu nehmen. Auch wenn mich manche Eigenarten der Amerikaner wie ihr teilweise liberalistisches und patriotisches Denken, das aggressive politische Klima und ihre Oberflächlichkeit gestört haben, so hat für mich die gastfreundliche und herzliche Art der Bevölkerung klar überwogen.

Circa 24 Stunden nach einer tränenreichen Verabschiedung am Flughafen in Washington und einem anstrengenden Flug mit Stopps in New York und Amsterdam finde ich mich in meinem Zimmer in Hengersberg wieder. Bevor ich todmüde ins Bett falle, schalte ich den Laptop ein und meine Finger fliegen über die Tastatur: „Anna, thank you sooo much for everything you and your family did! You know you are always welcome here in Bavaria, right?"

Antonia Kremheller, Q12

 

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